Bergbaufolgelandschaften in der Lausitz – Eine schwierige Angelegenheit
Die Umgestaltung der Lausitz vom Braunkohlerevier zur Seenlandschaft gilt vielfach als gelungenes Strukturwandelprojekt. Tatsächlich sind in den vergangenen Jahrzehnten großflächig neue Gewässer, Freizeitangebote und touristische Infrastrukturen entstanden. Gleichzeitig zeigen sich jedoch grundlegende Probleme: dauerhafte Folgekosten, instabile Landschaftsräume und eine auffällige Vereinheitlichung der Gestaltung.
Die Bergbaufolgelandschaft ist damit weniger ein abgeschlossener Transformationsprozess als vielmehr ein dauerhaft zu bewirtschaftendes System mit offenbleibenden Risiken.
Devastierung als fortdauernder Zustand
Die Eingriffe des Tagebaus haben die ursprüngliche Landschaft vor der Kohle tiefgreifend zerstört. Abgetragene Böden, veränderte Grundwasserverhältnisse und künstlich aufgeschüttete Kippen prägen das Landschaftsbild bis heute.
Diese Devastierung endet nicht mit der fortlaufenden Stilllegung der Tagebaue bis 2038. Vielmehr setzt sie sich in veränderter Form fort, denn die Böschungen bleiben aufgrund der eiszeitlichen Prägung rundgewaschener Sandkörner sowie der anthropogenen Überprägung des Bodengefüges instabil. Dies führt dazu, dass die Uferbereiche dauerhaft rutschungsgefährdet sind und es zu stetigen Abbrüchen und Verwerfungen kommt. Die aus den Tagebauen entstehenden Seen sind keine natürlichen Gewässer, sondern Resultate komplexer menschlicher wasserwirtschaftlicher Steuerung mit technischer Überformung.
Die Situation rund um den Drehnaer See bei Fürstlich Drehna und Wanninchen verdeutlicht dies. Trotz abgeschlossener Flutung bleibt die Umgebung fragmentiert. Rekultivierte Landschaftsbereiche sind Absackungen und geologischen Verformungen unterworfen, sodass das Gebiet als geotechnischer Sperrbereich ausgewiesen ist. Die Verwaltung erfolgt bis heute nach Bergbaurecht durch die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH (LMBV). Aufgrund der hohen geotechnischen Gefahren, insbesondere Rutschungsgefahr und Bodenverflüssigung auf der Innenkippe, herrscht dort ein striktes Betretungsverbot, was das Gebiet faktisch zu einem Totalreservat mit positiven Wirkungen für sensible Vogelarten und sandliebende Offenlandarten macht.
Ewigkeitslasten und ihre Konsequenzen
Ein zentrales Problem der Bergbaufolgelandschaften sind die sogenannten Ewigkeitslasten. Dazu zählen insbesondere die langfristige Regulierung des Wasserhaushalts durch den Menschen, die stetige Stabilisierung von Böschungen sowie die fortlaufende Behandlung der Gewässer mit Kalk zur Regulierung des pH-Werts, um die Seen auf irgendeine Art lebensfähig zu halten.
Mit dem Wiederanstieg des Grundwassers wurden Eisen und Sulfat mobilisiert. Dies führt zur Verockerung von Gewässern und beeinträchtigt Wasserqualität sowie Ökosysteme erheblich. Maßnahmen wie die Neutralisation durch Kalkung oder die technische Steuerung der Wasserstände sind dauerhaft erforderlich. Allein für den Großräschener See wurden über 13.000 Tonnen Kalkmaterial genutzt, während andere Seen wie der Schlabendorfer See in 18 Monaten 22.000 Tonnen Kalk zur Sanierung benötigten (Dlf, 2015).
Diese Prozesse sind nicht zeitlich begrenzt. Sie verursachen kontinuierliche Kosten und machen deutlich, dass die Bergbaufolgelandschaft nicht sich selbst überlassen werden kann, wenn das Narrativ der touristischen Nachnutzung und Wiederherstellung aufrechterhalten werden soll.
Die Sanierung der ostdeutschen Braunkohlereviere wird überwiegend durch öffentliche Mittel getragen und hat bereits Milliardenbeträge gebunden. Gleichzeitig wird deutlich, dass diese Aufwendungen keinen Abschluss markieren, sondern in langfristige Betriebs- und Folgekosten übergehen. Sie bleibt auf Dauer ein technisch kontrollierter Raum.
Planung, Leitbilder und ihre Grenzen: IBA und das Geld
Mit der Internationalen Bauausstellung (IBA) Fürst-Pückler-Land (2000–2010) wurde der Versuch unternommen, den tiefgreifenden Landschaftswandel in der Lausitz nicht nur technisch, sondern auch gestalterisch und konzeptionell zu rahmen. Ziel war es, die devastierten Tagebaulandschaften aufzuwerten, industrielle Relikte zu integrieren und eine neue regionale Identität zu entwickeln. Die IBA verstand sich dabei als Impulsgeber eines umfassenden Transformationsprozesses.
Rückblickend zeigt sich jedoch, dass viele dieser Ansätze nur teilweise eingelöst wurden. Zwar entstanden neue Infrastrukturen und touristische Nutzungen, doch das zentrale strukturelle Problem der Ewigkeitslasten besteht fort. Einige der im Rahmen der IBA entwickelten Visionen mussten angepasst oder aufgegeben werden, wie etwa die rund 20 Meter hohe und bis zu einem halben Kilometer lange geplante Erdskulptur am Altdöberner See. Die planerische Idee einer kohärenten „neuen Landschaft“ stößt damit an ihre materiellen und ökologischen Grenzen.
Externalisierung der Kosten in Raum und Zeit durch imperiale Lebensweise
Diese Entwicklung lässt sich auch im Kontext der von Ulrich Brand und Markus Wissen beschriebenen imperialen Lebensweise lesen. Demnach beruhen moderne Produktions- und Konsummuster darauf, ökologische Kosten räumlich, sozial oder zeitlich zu externalisieren. In der Lausitz zeigt sich dies in einer spezifischen Form: Die Folgelandschaften sollen als konsumierbare Räume inszeniert werden – als Seenlandschaften für Freizeit, Tourismus und Immobilienentwicklung –, während die ökologischen und technischen Langzeitfolgen des Bergbaus weiterhin bestehen und dauerhaft bewältigt werden müssen.
Vor diesem Hintergrund erhält die bereits früh formulierte Kritik von Karl Ganser besondere Relevanz. Er stellte grundlegend infrage, ob die Logik der Rekultivierung tatsächlich geeignet ist, mit den Folgen des industriellen Eingriffs umzugehen:
„Rekultivierung und Sanierung sind Begriffe des Industriezeitalters, durchdrungen vom schlechten Gewissen der Industriegesellschaft, Kulturlandschaft zerstört zu haben und deshalb diese rekultivieren zu müssen und auch zu können, Natur krank gemacht zu haben und sie deshalb gesund machen zu müssen und zu können. […] Ohne dieses schlechte Gewissen der Wiedergutmachung wäre der Blick für die Realitäten unverstellt, geschehen ist geschehen. […] Da wo es geschehen ist, sollte man nach Visionen Ausschau halten, die aus diesen außergewöhnlichsten Eingriffen die aufregendste Kulturlandschaft machen, die je vorstellbar ist.“
Tatsächlich werden aber die Folgen des jahrzehntelangen Extraktivismus in der Lausitz kaschiert und ausgeblendet. Von den globalen Folgen der fossilen Lebensweise ganz zu schweigen. Getreu dem Motto: „Dreckige Kohle? Die hat es hier nie gegeben.“
Uniforme Landschaftsentwicklung
Die tatsächliche Entwicklung entfernt sich jedoch vielfach von dem Anspruch und dem Möglichkeitsfenster nach der Internationalen Bauausstellung. In seinem Buch Letzte Kohle. Andere Landschaften kritisiert Bertram Weisshaar insbesondere die zunehmende Uniformität der Landschaftsgestaltung nach dem Bergbau. Statt einer eigenständigen, ortsspezifischen Landschaft entstehen häufig standardisierte Nutzungsmodelle. Rolf Kuhn warnte bereits davor, bei den Tagebauen wiederholt „das gleiche Strickmuster“ anzuwenden, da so „nicht die interessanteste, sondern die langweiligste Seenlandschaft Europas entsteht“.
Diese Tendenz ist heute vielerorts sichtbar: Marinas, Ferienimmobilien, gastronomische Angebote mit ähnlicher Gestaltung, standardisierte Rundwege und Aussichtspunkte prägen zahlreiche Standorte. Die Landschaft wird damit nicht als eigenständiger Raum aus der Geschichte heraus weiterentwickelt, sondern einem reproduzierbaren Nutzungsschema unterworfen.
Welzow: Strukturwandel, Nachnutzung oder Verfall
Der Tagebau Welzow-Süd und die umliegenden Förderkomplexe galten als ein zentrales „Aushängeschild“ der ostdeutschen Braunkohleindustrie und damit der Energieversorgung der DDR. Seit dem Aufschluss ab 1959 entwickelte sich ein hochindustrialisiertes Bergbausystem mit Großgeräten wie Förderbrücken, Schaufelradbaggern und bandgebundener Förderung, das kontinuierlich große Mengen Rohkohle für Kraftwerke wie Schwarze Pumpe bereitstellte.
Gleichzeitig wurden mit der Expansion des Tagebaus bis zum Jahr 2011 durch den Braunkohleabbau 17 Dörfer abgebaggert.
Der Braunkohlenbergbau war zugleich ein zentraler Arbeitgeber: Zehntausende Beschäftigte arbeiteten direkt in Förderung, Veredlung und Infrastruktur, hinzu kamen zahlreiche abhängige Industriezweige. Damit prägte der Bergbau nicht nur die Landschaft, sondern auch die soziale und wirtschaftliche Struktur der Region grundlegend – als industrieller Kernraum der DDR-Energiepolitik.
In Welzow weisen diverse Klinkerbauten darauf hin, dass man während des Kohleabbaus den Begleitrohstoff Ton zur Herstellung von Klinkern nutzte. Zeugnisse dafür sind insbesondere die Gebäude der Puschkinschule.
Die Kluft zwischen Anspruch und Realität
Die Entwicklung der Lausitzer Seenlandschaft wird häufig als Beispiel gelungener Rekultivierung dargestellt. Unbestreitbar sind neue Nutzungen und wirtschaftliche Perspektiven entstanden.
Gleichzeitig zeigen sich strukturelle Defizite: dauerhafte Abhängigkeit von technischen Eingriffen, hohe und langfristige Kosten, ökologische Belastungen durch Schadstoffeinträge sowie eine begrenzte gestalterische Vielfalt.
Die Diskrepanz zwischen planerischem Anspruch und tatsächlicher Entwicklung ist dabei frappant, und die fortlaufenden Verschiebungen der geplanten Eröffnungen weiterer rekultivierter Seen für Schifffahrt und Badebetrieb durch die LEAG und LMBV wirken wie der dilettantische Versuch, das Offensichtliche noch etwas nach hinten hinauszuverzögern.