Kategorie: Texte

  • Die Panke als Commons

    Die Panke als Commons

    Flussraumrevitalisierung am Beispiel eines urbanen Fließgewässer 

    Die Arbeit untersucht, wie der Flussraum der Panke im Berliner Norden durch ökologische Revitalisierung, gemeinschaftsorientierte Planung und soziale Aneignungsprozesse zu einem resilienten, gemeinwohlorientierten Stadtraum transformiert werden kann. Ausgehend von einer umfassenden Analyse historischer, ökologischer und sozialer Schichten des Untersuchungsgebiets wird die Panke als relationales, vielschichtiges System verstanden, dessen Herausforderungen von hydrologischen Defiziten und mangelnder Gewässerqualität bis hin zu sozialräumlicher Unterversorgung und institutionellen Blockaden reichen.

    Theoretisch verortet sich die Arbeit im Konzept der Commons, das als Alternative zu wachstumsorientierten und rein technischen Planungslogiken eingeführt wird und auf Selbstverwaltung, kollektiver Verantwortung und Zugänglichkeit basiert. Die Analyse entlang eines vier Kilometer langen Abschnitts der Panke zeigt, dass bestehende planerische Maßnahmen überwiegend modular, technisch und sektoral ausgerichtet sind und weder ökologische Dynamiken noch partizipative Potenziale ausreichend berücksichtigen.

    Aufbauend auf einem iterativen Methodenmix aus Site-Reading, Datenanalyse, historischen Quellen, Ortsbegehungen und spekulativem Entwerfen entwickelt die Arbeit eine dreistufige Zukunftsstrategie: Erstens eine ökologische Transformation, die die Gewässerqualität und Landschaftsstruktur verbessert; zweitens eine gemeinwohlorientierte Entwicklung, die räumliche Zugänglichkeit, Nutzungsvielfalt und kulturelle Identität stärkt; und drittens ein nachhaltiges Beteiligungs- und Governance-Modell, das Multi-Akteur*innen-Partnerschaften und Instrumente der Boden- und Ressourcensicherung einbindet.

    Das Ergebnis ist ein übertragbares räumliches und organisatorisches Framework, das zeigt, wie städtische Gewässerräume als Commons gestaltet werden können, um ökologische Resilienz, soziale Kohäsion und kollektive Handlungsmacht miteinander zu verbinden. Die Arbeit leistet damit einen Beitrag zur Weiterentwicklung von Commons-Theorien im urbanen Kontext und eröffnet neue Perspektiven für großmaßstäbliche Flussraumrevitalisierungen jenseits wachstumsorientierter Stadtentwicklung.

  • Lausitz sehen und sterben

    Lausitz sehen und sterben

    Bergbaufolgelandschaften in der Lausitz – Eine schwierige Angelegenheit

    Die Umgestaltung der Lausitz vom Braunkohlerevier zur Seenlandschaft gilt vielfach als gelungenes Strukturwandelprojekt. Tatsächlich sind in den vergangenen Jahrzehnten großflächig neue Gewässer, Freizeitangebote und touristische Infrastrukturen entstanden. Gleichzeitig zeigen sich jedoch grundlegende Probleme: dauerhafte Folgekosten, instabile Landschaftsräume und eine auffällige Vereinheitlichung der Gestaltung.
    Die Bergbaufolgelandschaft ist damit weniger ein abgeschlossener Transformationsprozess als vielmehr ein dauerhaft zu bewirtschaftendes System mit offenbleibenden Risiken.

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    Devastierung als fortdauernder Zustand

    Die Eingriffe des Tagebaus haben die ursprüngliche Landschaft vor der Kohle tiefgreifend zerstört. Abgetragene Böden, veränderte Grundwasserverhältnisse und künstlich aufgeschüttete Kippen prägen das Landschaftsbild bis heute.
    Diese Devastierung endet nicht mit der fortlaufenden Stilllegung der Tagebaue bis 2038. Vielmehr setzt sie sich in veränderter Form fort, denn die Böschungen bleiben aufgrund der eiszeitlichen Prägung rundgewaschener Sandkörner sowie der anthropogenen Überprägung des Bodengefüges instabil. Dies führt dazu, dass die Uferbereiche dauerhaft rutschungsgefährdet sind und es zu stetigen Abbrüchen und Verwerfungen kommt. Die aus den Tagebauen entstehenden Seen sind keine natürlichen Gewässer, sondern Resultate komplexer menschlicher wasserwirtschaftlicher Steuerung mit technischer Überformung.

    Die Situation rund um den Drehnaer See bei Fürstlich Drehna und Wanninchen verdeutlicht dies. Trotz abgeschlossener Flutung bleibt die Umgebung fragmentiert. Rekultivierte Landschaftsbereiche sind Absackungen und geologischen Verformungen unterworfen, sodass das Gebiet als geotechnischer Sperrbereich ausgewiesen ist. Die Verwaltung erfolgt bis heute nach Bergbaurecht durch die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH (LMBV). Aufgrund der hohen geotechnischen Gefahren, insbesondere Rutschungsgefahr und Bodenverflüssigung auf der Innenkippe, herrscht dort ein striktes Betretungsverbot, was das Gebiet faktisch zu einem Totalreservat mit positiven Wirkungen für sensible Vogelarten und sandliebende Offenlandarten macht.

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    Ewigkeitslasten und ihre Konsequenzen

    Ein zentrales Problem der Bergbaufolgelandschaften sind die sogenannten Ewigkeitslasten. Dazu zählen insbesondere die langfristige Regulierung des Wasserhaushalts durch den Menschen, die stetige Stabilisierung von Böschungen sowie die fortlaufende Behandlung der Gewässer mit Kalk zur Regulierung des pH-Werts, um die Seen auf irgendeine Art lebensfähig zu halten.

    Mit dem Wiederanstieg des Grundwassers wurden Eisen und Sulfat mobilisiert. Dies führt zur Verockerung von Gewässern und beeinträchtigt Wasserqualität sowie Ökosysteme erheblich. Maßnahmen wie die Neutralisation durch Kalkung oder die technische Steuerung der Wasserstände sind dauerhaft erforderlich. Allein für den Großräschener See wurden über 13.000 Tonnen Kalkmaterial genutzt, während andere Seen wie der Schlabendorfer See in 18 Monaten 22.000 Tonnen Kalk zur Sanierung benötigten (Dlf, 2015).

    Diese Prozesse sind nicht zeitlich begrenzt. Sie verursachen kontinuierliche Kosten und machen deutlich, dass die Bergbaufolgelandschaft nicht sich selbst überlassen werden kann, wenn das Narrativ der touristischen Nachnutzung und Wiederherstellung aufrechterhalten werden soll.
    Die Sanierung der ostdeutschen Braunkohlereviere wird überwiegend durch öffentliche Mittel getragen und hat bereits Milliardenbeträge gebunden. Gleichzeitig wird deutlich, dass diese Aufwendungen keinen Abschluss markieren, sondern in langfristige Betriebs- und Folgekosten übergehen. Sie bleibt auf Dauer ein technisch kontrollierter Raum.

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    Planung, Leitbilder und ihre Grenzen: IBA und das Geld

    Mit der Internationalen Bauausstellung (IBA) Fürst-Pückler-Land (2000–2010) wurde der Versuch unternommen, den tiefgreifenden Landschaftswandel in der Lausitz nicht nur technisch, sondern auch gestalterisch und konzeptionell zu rahmen. Ziel war es, die devastierten Tagebaulandschaften aufzuwerten, industrielle Relikte zu integrieren und eine neue regionale Identität zu entwickeln. Die IBA verstand sich dabei als Impulsgeber eines umfassenden Transformationsprozesses.

    Rückblickend zeigt sich jedoch, dass viele dieser Ansätze nur teilweise eingelöst wurden. Zwar entstanden neue Infrastrukturen und touristische Nutzungen, doch das zentrale strukturelle Problem der Ewigkeitslasten besteht fort. Einige der im Rahmen der IBA entwickelten Visionen mussten angepasst oder aufgegeben werden, wie etwa die rund 20 Meter hohe und bis zu einem halben Kilometer lange geplante Erdskulptur am Altdöberner See. Die planerische Idee einer kohärenten „neuen Landschaft“ stößt damit an ihre materiellen und ökologischen Grenzen.

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    Externalisierung der Kosten in Raum und Zeit durch imperiale Lebensweise

    Diese Entwicklung lässt sich auch im Kontext der von Ulrich Brand und Markus Wissen beschriebenen imperialen Lebensweise lesen. Demnach beruhen moderne Produktions- und Konsummuster darauf, ökologische Kosten räumlich, sozial oder zeitlich zu externalisieren. In der Lausitz zeigt sich dies in einer spezifischen Form: Die Folgelandschaften sollen als konsumierbare Räume inszeniert werden – als Seenlandschaften für Freizeit, Tourismus und Immobilienentwicklung –, während die ökologischen und technischen Langzeitfolgen des Bergbaus weiterhin bestehen und dauerhaft bewältigt werden müssen.

    Vor diesem Hintergrund erhält die bereits früh formulierte Kritik von Karl Ganser besondere Relevanz. Er stellte grundlegend infrage, ob die Logik der Rekultivierung tatsächlich geeignet ist, mit den Folgen des industriellen Eingriffs umzugehen:

    „Rekultivierung und Sanierung sind Begriffe des Industriezeitalters, durchdrungen vom schlechten Gewissen der Industriegesellschaft, Kulturlandschaft zerstört zu haben und deshalb diese rekultivieren zu müssen und auch zu können, Natur krank gemacht zu haben und sie deshalb gesund machen zu müssen und zu können. […] Ohne dieses schlechte Gewissen der Wiedergutmachung wäre der Blick für die Realitäten unverstellt, geschehen ist geschehen. […] Da wo es geschehen ist, sollte man nach Visionen Ausschau halten, die aus diesen außergewöhnlichsten Eingriffen die aufregendste Kulturlandschaft machen, die je vorstellbar ist.“

    Tatsächlich werden aber die Folgen des jahrzehntelangen Extraktivismus in der Lausitz kaschiert und ausgeblendet. Von den globalen Folgen der fossilen Lebensweise ganz zu schweigen. Getreu dem Motto: „Dreckige Kohle? Die hat es hier nie gegeben.“

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    Uniforme Landschaftsentwicklung

    Die tatsächliche Entwicklung entfernt sich jedoch vielfach von dem Anspruch und dem Möglichkeitsfenster nach der Internationalen Bauausstellung. In seinem Buch Letzte Kohle. Andere Landschaften kritisiert Bertram Weisshaar insbesondere die zunehmende Uniformität der Landschaftsgestaltung nach dem Bergbau. Statt einer eigenständigen, ortsspezifischen Landschaft entstehen häufig standardisierte Nutzungsmodelle. Rolf Kuhn warnte bereits davor, bei den Tagebauen wiederholt „das gleiche Strickmuster“ anzuwenden, da so „nicht die interessanteste, sondern die langweiligste Seenlandschaft Europas entsteht“.

    Diese Tendenz ist heute vielerorts sichtbar: Marinas, Ferienimmobilien, gastronomische Angebote mit ähnlicher Gestaltung, standardisierte Rundwege und Aussichtspunkte prägen zahlreiche Standorte. Die Landschaft wird damit nicht als eigenständiger Raum aus der Geschichte heraus weiterentwickelt, sondern einem reproduzierbaren Nutzungsschema unterworfen.

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    Welzow: Strukturwandel, Nachnutzung oder Verfall

    Der Tagebau Welzow-Süd und die umliegenden Förderkomplexe galten als ein zentrales „Aushängeschild“ der ostdeutschen Braunkohleindustrie und damit der Energieversorgung der DDR. Seit dem Aufschluss ab 1959 entwickelte sich ein hochindustrialisiertes Bergbausystem mit Großgeräten wie Förderbrücken, Schaufelradbaggern und bandgebundener Förderung, das kontinuierlich große Mengen Rohkohle für Kraftwerke wie Schwarze Pumpe bereitstellte.
    Gleichzeitig wurden mit der Expansion des Tagebaus bis zum Jahr 2011 durch den Braunkohleabbau 17 Dörfer abgebaggert.
    Der Braunkohlenbergbau war zugleich ein zentraler Arbeitgeber: Zehntausende Beschäftigte arbeiteten direkt in Förderung, Veredlung und Infrastruktur, hinzu kamen zahlreiche abhängige Industriezweige. Damit prägte der Bergbau nicht nur die Landschaft, sondern auch die soziale und wirtschaftliche Struktur der Region grundlegend – als industrieller Kernraum der DDR-Energiepolitik.
    In Welzow weisen diverse Klinkerbauten darauf hin, dass man während des Kohleabbaus den Begleitrohstoff Ton zur Herstellung von Klinkern nutzte. Zeugnisse dafür sind insbesondere die Gebäude der Puschkinschule.

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    Die Kluft zwischen Anspruch und Realität

    Die Entwicklung der Lausitzer Seenlandschaft wird häufig als Beispiel gelungener Rekultivierung dargestellt. Unbestreitbar sind neue Nutzungen und wirtschaftliche Perspektiven entstanden.

    Gleichzeitig zeigen sich strukturelle Defizite: dauerhafte Abhängigkeit von technischen Eingriffen, hohe und langfristige Kosten, ökologische Belastungen durch Schadstoffeinträge sowie eine begrenzte gestalterische Vielfalt.

    Die Diskrepanz zwischen planerischem Anspruch und tatsächlicher Entwicklung ist dabei frappant, und die fortlaufenden Verschiebungen der geplanten Eröffnungen weiterer rekultivierter Seen für Schifffahrt und Badebetrieb durch die LEAG und LMBV wirken wie der dilettantische Versuch, das Offensichtliche noch etwas nach hinten hinauszuverzögern.

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  • Vom Palast der Republik bis zum Jahn-Sportpark

    Vom Palast der Republik bis zum Jahn-Sportpark

    Der Umgang mit Architektur, Stadtplanung und Kulturgütern der DDR in der Gegenwart folgt einem Muster der Entwertung, Überformung und selektiven Auslöschung – zugunsten einer kapitalistisch verwertbaren Stadt und einer nationalen Meistererzählung, die die sozialistische Vergangenheit nur als Störung kennt.

    Abriss als symbolische Säuberung

    Der Palast der Republik war nicht nur Repräsentationsbau der SED, sondern für viele Ostdeutsche ein alltäglicher Kultur- und Freizeitort mit Restaurants, Veranstaltungen und öffentlichen Räumen. Nach der Asbestsanierung hätte es zahlreiche Optionen vom Umbau bis zur teilweisen Umnutzung gegeben, doch 2006 entschied der Bundestag den vollständigen Abriss und machte damit Raum für die Rekonstruktion des preußischen Stadtschlosses.

    Damit wurde ein sozialistischer Erinnerungsort buchstäblich aus dem Stadtbild entfernt und durch ein Bild „normalisierter“ nationaler Geschichte – barocke Fassade, innen konsumorientiertes Kultur- und Eventhaus – ersetzt. Der Abriss steht für viele Ostdeutsche für die Abwertung ihrer Lebensgeschichte: Ihre biografischen Erfahrungen im Palast wurden delegitimiert, das Gebäude als „falsche“ Geschichte markiert und durch ein touristisch und kulturell besser vermarktbares Objekt ersetzt.

    Jänschwalde: Förderbrücke F60 und der „saubere“ Strukturwandel

    Die Sprengung der Förderbrücke F60 im Tagebau Jänschwalde wird politisch und medial als emotionaler Schlusspunkt einer Ära und als sichtbares Symbol des Kohleausstiegs inszeniert. In den offiziellen Erzählungen dominieren Begriffe wie „Meisterwerk der Ingenieurkunst“, „Ende einer Ära“ und „moderne Energie- und Industrieparks“, die in eine Fortschrittserzählung des grünen Kapitalismus eingebettet werden.

    Was weitgehend ausgespart bleibt, ist eine konfliktoffene Erinnerung an die spezifische, sozialistisch geprägte Industrie- und Arbeitswelt der Lausitz – inklusive der Ambivalenzen von Ausbeutung, Stabilität, Umweltzerstörung und gesellschaftlicher Einbindung. Stattdessen wird der Raum schnell semantisch „gereinigt“: Die künftige Seenlandschaft, Windräder und Photovoltaikfelder sollen eine neue, investorenfreundliche Identität stiften, während die materielle Hinterlassenschaft der DDR-Bergbaukultur verschrottet wird.

    Jahn-Sportpark: Abriss und Umbau als verdrängte DDR-Geschichte

    Der Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark ist eine zentrale Sport- und Erinnerungslandschaft, deren Stadionanlage in der DDR neu gebaut und für Massen- und Leistungssport genutzt wurde. Nun steht das Cantianstadion im Zentrum eines Großprojekts, bei dem ein vollständiger Neubau mit inklusivem, barrierefreiem Anspruch gegen den Erhalt und die Weiterentwicklung des Bestands gesetzt wird.

    Politik, Sportverbände und Teile der Stadtgesellschaft argumentieren mit Barrierefreiheit, Internationalität und Modernität und rahmen den Abriss als notwendigen Schritt in eine zeitgemäße Sportinfrastruktur. Kritikerinnen – darunter Bürgerinitiativen, Naturschutzverbände und der Pritzker-Preisträger Jean-Philippe Vassal – verweisen dagegen auf Ressourcenverschwendung, Verlust städtebaulicher Charakteristika und auf die fehlende Anerkennung der DDR-Geschichte des Ortes; besonders symbolisch ist, dass der Abriss am 7. Oktober, dem Gründungstag der DDR, begann.

    Hier zeigt sich exemplarisch, wie DDR-Bauten als „defizitär“ markiert werden: energetisch schlecht, funktional veraltet, ästhetisch unerträglich, angeblich grundsätzlich nicht inklusionsfähig – anstatt ernsthaft zu prüfen, welche Qualitäten des Bestands in eine transformierte, sozial-ökologische Sportlandschaft integriert werden könnten. Die Umdeutung des Areals folgt einer Logik des „Neubaus als Erlösung“, die sich auch ökonomisch gut verkauft: ein Prestigeprojekt, das Flächen neu bewertet, Bauaufträge generiert und symbolisch den Anschluss an einen globalen Sport- und Eventmarkt signalisiert.

    Fehlende integrative Erinnerungskultur

    Die drei Beispiele markieren eine Linie: Statt eine widersprüchliche, aber ernsthaft plurale Erinnerung an die DDR zu entwickeln, werden ihre materiellen Zeugnisse abgetragen, überformt oder auf wenige musealisierte Fragmente reduziert. Die DDR erscheint dabei fast ausschließlich als Problem – als baulicher Schadensfall, als politischer Makel, als ästhetischer Fremdkörper –, der beseitigt werden muss, damit eine kapitalistisch und nationalstaatlich kompatible Stadtgeschichte erzählbar werden kann.

    Eine integrative und anerkennende Erinnerungskultur würde mindestens drei Ebenen ernst nehmen: die biografischen Bindungen vieler Ostdeutscher an diese Orte, die architektonischen und städtebaulichen Qualitäten (oder Probleme) der Bauten selbst und die strukturellen Machtfragen der Wiedervereinigungspolitik. Stattdessen dominieren Top-down-Entscheidungen, die DDR-Architektur zur disponiblen Ressource machen: abrissfähig, wenn sie der Aufwertung, Investorenlogik oder symbolischen „Normalisierung“ im Wege steht.

    Radierung der Vergangenheit aus kapitalistischer Perspektive

    Im Zentrum steht letztlich eine kapitalistische Stadtlogik, die Geschichte danach sortiert, ob sie in gegenwärtige Verwertungs- und Brandingstrategien passt. Rekonstruierte Altstadtkulissen, neue Energieparks und Event-Stadien erzeugen vermarktbare Bilder, während sozialistische Großbauten, Industrieanlagen und Sportstätten als schwer integrierbare Relikte gelten – sie widersprechen der Erzählung eines bruchlos erfolgreichen, marktwirtschaftlichen Deutschlands.

    Die scheinbare „Neutralität“ von Asbestgutachten, Barrierefreiheitsstandards oder Klimazielen verdeckt oft, dass hier nicht nur Technik, sondern auch Erinnerungspolitik verhandelt wird. Wo Palast der Republik, F60 und Jahn-Sportpark verschwinden oder radikal umgedeutet werden, entsteht nicht einfach „Neues“, sondern eine selektive Amnesie – eine Stadt, in der die sozialistische Vergangenheit als störende Schicht abgekratzt wird, um Platz für eine glatte, marktförmig anschlussfähige Gegenwart zu schaffen.

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  • Berlins Himmelspagode

    Berlins Himmelspagode

    China meets Brandenburg – Ein Tempel am Rand von Berlin

    Die Himmelspagode in Hohen Neuendorf, nördlich von Berlin gelegen, war über zwanzig Jahre hinweg ein markantes und ungewöhnliches Bauwerk im regionalen Stadtbild. Der runde, dreigeschossige Bau orientierte sich sichtbar an chinesischer Pagodenarchitektur und bezog seine ikonische Form ausdrücklich vom historischen Himmelstempel in Peking – ein bewusst fernöstlicher Akzent im Brandenburger Städtebau. 

    Entworfen wurde das Projekt Anfang der 2000er Jahre in Zusammenarbeit zwischen dem chinesischen Bauherrn Wengui Ye und dem in Hohen Neuendorf lebenden Architekten Christian Rehbock. Die Pagode entstand zwischen 2001 und 2002, kostete mehrere Millionen Euro und integrierte importierte Elemente und Dekorationen aus China – vom Mobiliar bis zu Steinfiguren und Säulen. 

    Im Inneren beherbergte das Gebäude ein chinesisches Restaurant mit knapp 400 Sitzplätzen, das über Jahre Gäste aus Berlin und dem Umland anzog. Mit seinem opulenten Interieur, einem Koi-Teich und exotischen Details bot die Himmelspagode ein räumliches Erlebnis fernöstlicher Atmosphäre und wurde so zu einem der bekanntesten und am häufigsten fotografierten Gebäude Hohen Neuendorfs. 

    In jüngerer Zeit wurde jedoch entschieden, das Bauwerk nicht unter Denkmalschutz zu stellen. Grund ist die Planung eines umfangreichen Wohnquartiers auf dem Gelände. Die Himmelspagode schließt nach dem Sommer 2025 und soll in den kommenden Jahren abgerissen werden – ein Ende, das kontroverse Diskussionen über Erhalt, Identität und den Umgang mit außergewöhnlicher Architektur im urbanen Kontext ausgelöst hat. 

    Mit dem Verschwinden der Pagode verliert Hohen Neuendorf eine seiner auffälligsten architektonischen Landmarken – und ein Beispiel dafür, wie kulturelle und bauliche Vielfalt im Stadtraum sichtbar werden kann.

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  • Die Geschichte der Industriebahn

    Die Geschichte der Industriebahn

    Berlins vergessene Bahnlinie

    Ursprünglich diente diese Strecke dazu, die Industrie- und Gewerbestandorte im Nordosten Berlins mit den großen Hauptbahnen und dem Hafen in Tegel zu verbinden; sie wurde zwischen 1907 und 1908 abschnittsweise zwischen Friedrichsfelde und Tegel in Betrieb genommen und 1997 endgültig stillgelegt.

    Mit der Eingemeindung großer Teile des Umlands nach Groß-Berlin 1920 verlor der Landkreis Niederbarnim das Interesse an der Bahn und übertrug sie Mitte der 1920er‑Jahre an die Reinickendorf-Liebenwalde-Groß Schönebecker Eisenbahn AG, die wenig später in Niederbarnimer Eisenbahn umbenannt wurde. Damit wurde die einstige Güterstrecke Teil eines größeren Netzes, das sowohl die ländlichen Regionen nördlich Berlins als auch die wachsenden Industriegebiete der Stadt bediente.

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    Der Abschnitt hier gezeigte Abschnitt am Märkischen Viertel markierte das nördliche Ende der Industriebahn im Berliner Norden: Hier führte das Gleis nördlich an der Großsiedlung vorbei, querte und band über Anschlussgleise Betriebe und Infrastrukturen wie das Fernheizwerk des Märkischen Viertels an. Bis in die 1990er‑Jahre wurden diese Anlagen noch für den Güterverkehr genutzt, bevor der Betrieb nach und nach einschlief und die Trasse nach der Stilllegung großenteils brachfiel.

    Heute erinnert die Idee eines Grünen Gleisbogens nur noch in Fragmenten an seine Vergangenheit: Überreste von Schienen, alte Bahnrelikte und freigehaltene Trassenräume erzählen von der Zeit, in der Güterzüge zwischen Tegeler Hafen, den nördlichen Hauptbahnen und den Industriestätten im Osten der Stadt pendelten. Die Idee zur Umwandlungeiner Grün‑ und Wegeverbindung schafft eine Perspektive die eine Mischung aus urbaner Natur, Industriegeschichte und Mobilität in einem sich wandelnden Landschaftsraum herstellt.

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  • Brachen I

    Brachen I

    Zwischen Ruderalflur und Rendite: Die Bedeutung urbaner Brachen

    Brachen sind im zeitgenössischen Städtebau keine „Leerstellen“, sondern dichte Verdichtungen von Geschichte, Ökologie und sozialem Möglichkeitsraum. Sie entstehen als Nebenprodukte von Krieg, Deindustrialisierung, Infrastrukturrückbau oder geopolitischen Brüchen und unterlaufen damit die lineare Erzählung einer vollständig durchgeplanten, lückenlos verwerteten Stadt (Gandy, 2011).

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    Ökologischer Erfahrungsraum

    Gerade urbane Brachen entwickeln oft eine überraschend hohe Biodiversität, weil auf nährstoffarmen, gestörten Substraten eigendynamische Pioniergesellschaften entstehen, die im regulierten Grünsystem kaum vorkommen. Ruderalpflanzen wie Beifuß oder Steppenarten und spezialisierte Insekten machen Brachen zu Laboren „vierter Natur“ (Kowarik, 2011), in denen sich neuartige Stadtökosysteme herausbilden, die klassische Naturschutzbilder herausfordern.

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    Erinnerungslandschaften und Spurenträger

    Brachen fungieren als materielle Archive, in denen Trümmer, Bodenaufbauten, Vegetationsmuster und Wegespuren die Schichten urbaner Geschichte sichtbar halten. In der Berliner Nachwendelandschaft etwa verband die spontane Begrünung des ehemaligen Mauerstreifens individuelle Erinnerungen, urbane Feldökologie und ein breiteres Nachdenken über Vergessen und musealisierte Erinnerungspolitik (Gandy, 2022).

    Sozialer Freiraum und Alltagsurbanismus

    Als temporär unregulierte Räume bieten Brachen Nutzungen, die in normierten Parks und privatisierten Zwischenräumen kaum Platz finden – vom informellen Spiel- und Hunderaum über Aneignungspfade bis zu künstlerischen Interventionen. Damit werden sie zu „vernakulären“ öffentlichen Räumen, in denen andere Formen von Öffentlichkeit, Nachbarschaft und städtischer Praxis erprobt werden können. (Gandy, 2011; Gandy, 2022)

    Die zunehmende Einhegung und Bebauung von Brachen – etwa durch geschlossene Wohnanlagen mit inszenierten Gartenlandschaften – markiert die Übersetzung vormaliger Möglichkeitsräume in immobilienwirtschaftliche Verwertungslogiken. Ökologische Rhetoriken und Landschaftsbilder werden dabei oft selektiv eingesetzt, um Projekte zu legitimieren, während die zuvor gewachsene ökologische und soziale Komplexität ausgelöscht wird (Gandy, 2022).

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    Ambivalente Zukunft der Brache

    Mit der systematischen Nachverdichtung schrumpft der Bestand an größeren Brachen, während zugleich ihr kultureller und ökologischer Wert nachträglich anerkannt wird – etwa durch „reenactments“ von Ruderalästhetiken in gestalteten Parks. In dieser Spannung zwischen musealisierter Restfläche und spekulativem Bauland werden Brachen zu Schlüsselfiguren der Frage, ob Stadt als offen gehaltenes Gefüge von Möglichkeiten oder als restlos durchökonomisierte Oberfläche gedacht wird.

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    Weiterlesen

    Gandy, M. (2011). Interstitial landscapes: Reflections on a Berlin corner. In Urban Constellations (pp. 145–147)

    Gandy, M. (2022). Ghosts and monsters: Reconstructing nature on the site of the Berlin Wall. Transactions of the Institute of British Geographers, 47, 1120–1136.

    Kowarik, I. (2011). Novel urban ecosystems, biodiversity, and conservation. Environmental Pollution, 159(8–9), 1974–1983. https://doi.org/10.1016/j.envpol.2011.02.022